Warum die Piraten Mitgliederzahlen nur auf dem Papier sinken

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Die Piratenpartei verliert Mitglieder. Seit dem Höchststand 2012 ca 6000. Was auf den ersten Blick besorgniserregend erscheint, ist größtenteils nicht auf die medienwirksamen Streits oder die enttäuschenden Wahlergebnisse zurückzuführen.

Aktuelle Mtgliederzahlen finden sich hier. Grafisch aufbereitet ist das hier.

Zunächst sieht die Entwicklung dramatisch aus. 6000 Mitglieder haben uns verlassen in nur zwei Jahren. Der vorherige Aufwärtstrend scheint nachhaltig gestoppt. Die Medien berichten gern über den Zerfall oder Untergang der Piratenpartei. Gründe für diese Ansichten gibt es viele. Prominente Piraten haben äußerst medienwirksam und mit großer Ausdauer über Richtungen, Flügel und Personal gestritten. Die Wahlergebnisse bei allen Wahlen seit 2012 waren schlecht. Prominente Piraten sind medienwirksam ausgetreten und auf Twitter konnte man auch immer mal wieder über den Austritt nicht so prominenter Piraten lesen. Es scheint also, als ob viele Piraten desillusioniert die Partei verlassen und der medial beschworene Untergang tatsächlich stattfindet.

Faktisch sieht die Situation aber anders aus. Zunächst muss man bedenken, dass nach den Protestwähler-Erfolgen von 2010 bis 2012 eine gewisse Zahl von Karrieristen in die Piratenpartei eingetreten sind, die auf eine steile politische Karriere spekuliert haben. Schon die Idee entspricht nicht den Idealen der Piratenpartei und auch in der Umsetzung haben diese Leute mehr geschadet als genutzt. Natürlich kamen von Karrieristen Mitgliedsbeiträge, allerdings ist der Schaden (zeitlich und finanziell), den diese Leute angerichtet haben erheblich höher. Personalwahlen wurden schrecklich kompliziert, wegen der vielen Kandidaten, die die Basis mit erheblichem Aufwand "grillen" musste, um die karrieregeilen Möchtegern-Berufspolitiker möglichst zu erkennen und nicht zu wählen. Wenn doch mal einer gewählt wurde hat dieser in seiner Position dann den Piraten geschadet, da er die Piratigen Ideale sowieso nie geteilt hat. Wir können also froh sein über jeden Karrieristen, der enttäuscht aufgibt und austritt. Allerdings war der Anteil der Karrieristen an der Gesamtzahl der Mitglieder immer klein. Von den ca. 20% Mitgliedern, die wir verloren haben waren das bestimmt nicht mehr als 5%.

Der größte Anteil geht aber auf das Konto der nicht aktiven und nicht zahlenden Mitglieder. Dieser Anteil ist bei allen politischen Parteien erstaunlich hoch, da man ab dem Zeitpunkt Mitglied wird, ab dem der Mitgliedsantrag angenommen wird. Bei den Piraten wird praktisch kein Mitgliedsantrag abgelehnt, weshalb man sehr leicht Mitglied werden kann. Wenn diese Mitglieder nie Beitrag bezahlen, haben sie kein Stimmrecht auf dem Parteitag, auf den sie nicht gehen, weil sie nicht aktiv sind. Sie existieren also zunächst für eine Weile als Karteileichen, die vielleicht einmal im Jahr Post bekommen, dass sie zum Parteitag kommen dürfen und falls sie auch mal Beitrag bezahlen dort auch abstimmen dürfen.

Die Piraten waren mit der Mitgliederexplosion, besonders nach der Berlinwahl oftmals überfordert. Eine Menge der eben beschriebenen Karteileichen entstanden und verschwanden auch nicht, weil die Generalsekretäre und Schatzmeister mit dem Versenden von Mahnungen und Rauswerfen der Karteileichen schlicht überfordert waren. Das Problem wurde auch schnell erkannt, aber bis die Strukturen für eine effektivere Verwaltung geschaffen waren, verging viel Zeit. Inzwischen haben die Landesverbände ihre Mitgliederverwaltung an die realen Anforderungen angepasst und werfen die Karteileichen as dem System, was zu sinkenden Mitgliederzahlen in der Statistik führt. Das wiederum ist aber kein Zeichen für Verfall, sondern für die viel geforderte Professionalisierung der Piratenpartei.

Der eben beschriebene Effekt überlagert die einzelnen medienwirksam inszenierten Austritte, die auf die Statistik keinen messbaren Einfluss hätten.

Also sinken die Zahlen und man muss sich keine Sorgen machen?

Die sinkenden Mitgliederzahlen sind trotzdem besorgniserregend. Sie zeigen nämlich deutlich, dass es keine ausreichende Menge an Eintritten gibt, um die Austritte und Aufräumarbeiten zu überlagern. Das ist ein schlechtes Zeichen, weil wir als Piraten viele arbeitsintensive Projekte haben, die auf viele Schultern verteilt sein sollten.

Wir brauchen viele aktive Mitglieder, weil wir als ideologisch bedingt arme Partei (grundsätzliche Kritik an großen Parteispenden besonders von Unternehmen und an Lobbyismus) nicht das Geld haben Leute einzustellen, um die Arbeit zu machen. Verwaltung, IT und Wahlkampf kostet viel Zeit. Und damit ist dann noch keine Arbeit am Programm gemacht, die wir nicht "effizient" von wenigen machen lassen, sondern auf möglichst große Gruppen von Piraten verteilen, die folglich alle damit Zeit verbrauchen. Unser Problem ist, dass wir direkte Demokratie fordern, diese Form der Demokratie aber von allen Beteiligten einen hohen zeitlichen Aufwand abverlangt. Wir wollen aber nicht "effizient" werden, weil wir dann unsere Ideale aufgeben und wie die etablierten Parteien werden würden.

Wir sollten als Piraten weiter für Mitstreiter werben, die uns helfen unsere Visionen zu verwirklichen. Dass wir das nicht mehr gut können, ist ein großes und wichtiges Problem, das die Piratenpartei lösen muss. Wir sind aber nicht die Bundesregierung, die der Presse am Tropf hängt. Wir werben neue Mitglieder nicht für die Statistik, sondern für die Veränderung der Welt. Wenn also neue Menschen eintreten, sollten es Piraten sein, keine Karrieristen oder Protestwähler-Karteileichen. Wir brauchen neue Piraten die unsere Visionen einer demokratischen Gesellschaft teilen, die politisch und gesellschaftlich gegen die Errichtung von Überwachungsstaaten durch die Geheimdienste kämpfen. Wir brauchen neue Mitglieder, die die Privatspäre jedes einzelnen Schützen wollen und denen die Freiheit aller Bürger das größte Anliegen ist. Wir brauchen Mitstreiter die uns helfen bei einem bedingungslosen Grundeinkommen, bei einem fahrscheinlosen ÖPNV und bei einer Gesellschaft des Teilens ohne Gegenleistung Aufklärungsarbeit bei der ganzen Bevölkerung zu leisten, damit letztlich jeder verstehen kann, warum diese Ideen visionär, zutiefst moralisch und ganz anders sind, als die hohlen Worte, die uns CDU, SPD usw. seit Jahren auftischen.

Und wenn du das gelesen hast und die eben erwähnten Ziele dich angesprochen haben, dann frage dich, ob du schon Pirat bist. Und wenn du aus Wut über irgendeinen Piraten ausgetreten bist, aber diese Ideale teilst, dann frage dich, ob du wirklich bereit bist die Visionen der Piraten für einen dummen Tweet oder eine schlecht geschriebene Mail zu opfern, oder ob du nicht doch lieber für das Projekt "Freiheit" weiter kämpfen willst. Und wenn du mit den piratigen Idealen gar nichts anfangen kannst und das hier nur liest, weil du deinen Gegner kennen willst: Wir werden nicht aufgeben! Egal ob wir Wahlen verlieren, überbordend Streiten oder von der Presse klein geschrieben werden, wir werden nicht aufhören für unsere Ideale zu kämpfen. Unsere Visionen sind zu wichtig, um sie nicht umzusetzen. Wir sind Piraten und werden nicht aufhören die Welt zu verändern. Erwarte uns.

Ergänzung (24.9.2014)

Ich habe inzwischen diesen Blogpost gelesen, in dem der Mitgliederschwund schön in Zahlen gepackt wird. Das Ergebnis dort ist ein Rückgang um knapp 2000 Zahlende Mitglieder im Jahr. Die von mir vermuteten Austritte der Karrieristen lassen sich durch etwas steiler fallende Flanken nach Wahlen in der Statistik wieder finden. Man muss anhand der Zahlen davon ausgehen, dass die Austritte entsprechend der Mitgliederstatistik seit 2012 auf ungefähr konstantem Nivea sind. Das heißt die Mitgliederzahl, sowohl nach Parteibuch als auch nach zahlenden Mitgliedern, sinkt ungefähr linear.

Sollte ich durch obige Ausführungen das Problem verharmlost haben, tut mir das leid. Ich werde auf jeden Fall über die Gründe nachdenken und mich mit anderen Piraten austauschen. Mir geht es nicht um eine Rückkehr zu den Piraten wie sie 2012 waren, sondern darum dass wir für unsere eigentliche Klientel als die Visionäre wahrgenommen werden, die wir sind. Wenn Erstwähler, Gebildete und Liberale Menschen die Piratenpartei nicht wählen wollen schmerzt mich das besonders, weil diese Gruppen politisch keine zufriedenstellende Alternative haben. Und wenn wir etwas tun, um diese Menschen abzuschrecken, dann sollten wir das schleunigst ändern.